"Die große Stille" Veloimpressionen- Teil 4

Freitag, 23. Mai 2008

Die große Stille  (Teil 4) 

Mir fehlt das Mantra, würde ich denken, wenn ich denken könnte. Aber ich brauche keine geflüsterte Formel, um meine mentalen und spirituellen Energien freizusetzen. Mein Mund bewegt sich rhythmisch, die Räder rollen gleichmäßig, gleich gigantischer Ölpumpen bewegen sich meine Beine. Ich habe mich von meinen Gedanken befreit, ich bin eins mit der Zeit, die vom Rhythmus meiner Atmung bestimmt wird. Ich bin frei, ich bin Licht, ich bin jenseits von Gut und Böse, ich bin Ekstase. Ich bin. In diesem heroischen Gefühl, das sich leider keineswegs so anfühlt, werde ich von meinen Kunden angepeitscht: „Das ist wirklich super, großartig. Wir werden sie auf jeden Fall weiterempfehlen. Hamburg ist so eine wunderbare Stadt. Wahnsinn. Klasse.“ Ich nicke, trete weiter und höre: Sie sind der Größte, der Beste, das, was Gott geschaffen hätte, wenn er doch mehr als eine Woche Zeit gehabt hätte. Nein, sie sind... Stopp. Die Ampel ist auf rot. Was ist passiert? Habe ich etwas gesagt? Anscheinend schon. Habe ich etwa laut gedacht? Ich drehe mich um und erblicke glückliche Gesichter, die mich nur als Wort kennen und nicht als Gedanken.
Die Ampel zählt die Zeit herunter. Neuer Wall. Rathausmarkt. Endstation. Ein Foto. Eine Wolke. Ein Schatten. „Danke. Das hat wirklich Spaß gemacht“, kommt es synchron aus ihren Mündern. „Mir auch.“ Und das ist keine Lüge. Die beiden verschwinden aus meinem Sichtfeld. Ich beuge mich zur Zigarettenschachtel herunter. Da nehme ich einen Schatten hinter mir wahr und drehe mich um. „Hallo“, sage ich. Die gedrungene Gestalt nickt. „Fahren sie auch nach Stade?“ Ich zünde mir die Zigarette an. „Sorry, nach der Zigarette werde ich in die Halle fahren. Mein Feierabend hat gerade begonnen. Beim nächsten Mal.“ Ich glaube, er würde über seinen ausgefeilten Witz lachen, wenn er sich sicher wäre, dass meine Antwort nur ein Scherz war. Aber ganz so sicher sind wir uns da beide nicht. 
 
Das wars fürs erste, Benni
 


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"Die große Stille" Veloimpressionen- Teil 3

Donnerstag, 22. Mai 2008

Die große Stille  (Teil 3)

Das Prinzip der zwei Ebenen. Das parallele Existieren von Sprache und Gedanken. Das, was sich ansonsten auseinander ergibt, zusammenarbeitet, hatte sich kurzzeitig voneinander verabschiedet. Das gesprochene Wort hatte sich automatisiert, war selbständig geworden, in keinem Zusammenhang zu den Gedanken, die im Dickicht der sauerstoffarmen Existenz so vor sich hinwaberten. Wie ein Programm oder eine Gangschaltung auf Automatik. Eine Mensch-Maschine, ein Motor, der lebende Beweis für das Pawlowsche Prinzip. Die Erregungsprozesse lassen bei mir zwar nicht den Speichel aus den Mundwinkeln rinnen, dafür spucke ich wie auf Kommando Sätze aus, wenn mein Blick auf Gebäude fällt, die mir so vertraut sind wie die Frage: „Fahren sie auch nach Bergedorf?“ Heute ausnahmsweise nicht.

Weiter geht’s. Die Marco-Polo-Terrassen und das mit ihr verbundene Panorama ziehen das Pärchen im meinem Nacken in den Bann. „Hier passiert wirklich viel in Hamburg.“ Die Räder setzen sich wieder in Bewegung. Der vom Wind aufgewühlte Feinstaub der Hafencity legt sich auf das Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme in meinem Gesicht. Mein Mund bewegt sich. Meine Gedanken versuchen wieder Fahrt aufzunehmen. Der Schatten einer Wolke. Der herrliche Blick auf das Brookfleet von der Kibbelstegbrücke. „Ist das herrlich.“ Endlich meldet sich der Mann, der sich anfangs gewohnt verhalten gegeben hat, zu Wort. „Ist das herrlich.“ Wiederholt er. Die Räder rollen, hypnotisch, wie ein perpetuum mobile. Wenn es mal so wäre. Der Wind streicht nahe einer Erlösung durch mein Gesicht. Die Hafenpromenade. Der Blick gen Nordsee, denke und sage ich. So etwas kommt davon, wenn die Nikotinreserven im Körper sich dem ground zero nähern. Landungsbrücken. Mein Mund bewegt sich immer noch, während meine Gedanken aufgegeben haben. Portugiesenviertel. Verlockende Düfte umspielen meine Nase, aber an Essen ist nicht zu denken. Meine Gedanken, die auf der Hafenpromenade noch an einen Stop-Motion-Film erinnert haben, sind zum Stillstand gekommen. Endstation Michel. Für meine Gedanken zumindest. Während mein Mund nicht aufgeben will, sich weiter konvulsivisch zu bewegen, und die Räder sich weiter hypnotisch drehen, breitet sich eine Stille in mir aus. Die große Stille. Die Geräusche meiner Umgebung gewinnen an Intensität, an Lautstärke, so dass das nachlassende Summen des Hilfsmotors der Geräuschkulisse einer einfahrenden U-Bahn gleicht. „Zum Glück haben wir sie angesprochen. Also, das ist wirklich ein Erlebnis!“

Fortsetzung folgt morgen...

 

 


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"Die große Stille" Veloimpressionen- Teil 2

Mittwoch, 21. Mai 2008

Die große Stille (Teil 2)

27°C, denn ich verlasse im geschäftigen Tempo den Schatten, der mich für einige Augenblicke in seinen Schoß gelegt hatte. Da ich aufgrund des plötzlich auftretenden Sauerstoffmangels vergessen hatte, mich über die Geschichte des Hamburger Rathauses auszulassen, beginnt das Gespräch mit einer persönlichen Note. Die gewohnten Fragen werden abgearbeitet: „Ist das nicht anstrengend?“, „Sind sie Student oder so was? Sind sie Hamburger und ins Fitnessstudio müssen sie garantiert nicht, oder?“ Naja, zwischen diesen Zahnrad-Sätzen, die entgegen ihrer Zerstreutheit doch immer wieder ineinander greifen, bleibt die erschreckende Erkenntnis, dass diese zwei mir völlig fremden Menschen, die für mich mehr Stimme als Gestalt sind, bis zum Erreichen der St.-Nikolai-Kirche mehr über mich wissen als mein Prof., der momentan über die nächsten Monate meines Lebens entscheidet. Und schon beginnen meine Gedanken die gewöhnlichen Runden zu drehen: Über mein Leben, meine Freunde, über Damals und Heute. Hypnotisch dreht sich das Vorderrad des Velos vor meinen Augen. Die Zeit verstreicht. Und verstreicht. Bis mich die Stimme der Frau fragt: „Wann wird die Oper, wie hieß sie noch einmal, fertig sein?“ Stopp. Das Velo kommt zum Stillstand. Was habe ich gesagt? Habe ich etwas gesagt? „Hhm, 2010, dem Zeitplan nach.“

Fortsetzung folgt morgen...

 

 


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"Die große Stille" Veloimpressionen- Teil 1

Dienstag, 20. Mai 2008

Die große Stille  (Teil 1) von Benni

23°C, Windgeschwindigkeit 25 km/h, vereinzelt sind Quellwolken am Himmel zu erspähen, die ihre Schatten auf die freien Flächen der Stadt werfen. So auch auf den Rathausmarkt, auf dem ich mit meinem Velo stehe und Aussicht nach Personen halte, die diese Stadt aus einer anderen Perspektive erleben wollen. Langsam rinnt ein Schweißtropfen über meine rechte Schläfe, meine Atmung ist flach, meine Muskeln brennen und trotzdem ist es mein sehnlichster Wunsch, eine Zigarette zu rauchen. Bevor ich mir allerdings der Absurdität meines Verlangens bewusst werden kann, steht ein Pärchen im mittleren Alter vor mir. Erwartungsvoll, leicht verunsichert stehen sie da, bis die brünette Dame mit der Wella-Dauerwelle sehr direkt fragt, was denn bei mir so im Angebot steht. Ich entgegne, „einiges“, und erkläre, verliere mich in Abhandlungen über die Möglichkeiten des Fahrradtaxis, in Schwärmereien über diese Stadt, und höre mich reden, während meine Gedanken proportional zum gesprochenen Wort weniger werden. So ist das. „Aha.“ Habe ich etwas Falsches gesagt? Anscheinend nicht. Denn die beiden sitzen bereits auf der Rückbank des Velos und hauchen die magische Formel: „Fahren sie einfach mal, sie machen das schon.“

Fortsetzung folgt morgen...

 


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