Die große Stille (Teil 3)
Das Prinzip der zwei Ebenen. Das parallele Existieren von Sprache und Gedanken. Das, was sich ansonsten auseinander ergibt, zusammenarbeitet, hatte sich kurzzeitig voneinander verabschiedet. Das gesprochene Wort hatte sich automatisiert, war selbständig geworden, in keinem Zusammenhang zu den Gedanken, die im Dickicht der sauerstoffarmen Existenz so vor sich hinwaberten. Wie ein Programm oder eine Gangschaltung auf Automatik. Eine Mensch-Maschine, ein Motor, der lebende Beweis für das Pawlowsche Prinzip. Die Erregungsprozesse lassen bei mir zwar nicht den Speichel aus den Mundwinkeln rinnen, dafür spucke ich wie auf Kommando Sätze aus, wenn mein Blick auf Gebäude fällt, die mir so vertraut sind wie die Frage: „Fahren sie auch nach Bergedorf?“ Heute ausnahmsweise nicht.
Weiter geht’s. Die Marco-Polo-Terrassen und das mit ihr verbundene Panorama ziehen das Pärchen im meinem Nacken in den Bann. „Hier passiert wirklich viel in Hamburg.“ Die Räder setzen sich wieder in Bewegung. Der vom Wind aufgewühlte Feinstaub der Hafencity legt sich auf das Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme in meinem Gesicht. Mein Mund bewegt sich. Meine Gedanken versuchen wieder Fahrt aufzunehmen. Der Schatten einer Wolke. Der herrliche Blick auf das Brookfleet von der Kibbelstegbrücke. „Ist das herrlich.“ Endlich meldet sich der Mann, der sich anfangs gewohnt verhalten gegeben hat, zu Wort. „Ist das herrlich.“ Wiederholt er. Die Räder rollen, hypnotisch, wie ein perpetuum mobile. Wenn es mal so wäre. Der Wind streicht nahe einer Erlösung durch mein Gesicht. Die Hafenpromenade. Der Blick gen Nordsee, denke und sage ich. So etwas kommt davon, wenn die Nikotinreserven im Körper sich dem ground zero nähern. Landungsbrücken. Mein Mund bewegt sich immer noch, während meine Gedanken aufgegeben haben. Portugiesenviertel. Verlockende Düfte umspielen meine Nase, aber an Essen ist nicht zu denken. Meine Gedanken, die auf der Hafenpromenade noch an einen Stop-Motion-Film erinnert haben, sind zum Stillstand gekommen. Endstation Michel. Für meine Gedanken zumindest. Während mein Mund nicht aufgeben will, sich weiter konvulsivisch zu bewegen, und die Räder sich weiter hypnotisch drehen, breitet sich eine Stille in mir aus. Die große Stille. Die Geräusche meiner Umgebung gewinnen an Intensität, an Lautstärke, so dass das nachlassende Summen des Hilfsmotors der Geräuschkulisse einer einfahrenden U-Bahn gleicht. „Zum Glück haben wir sie angesprochen. Also, das ist wirklich ein Erlebnis!“
Fortsetzung folgt morgen...
von veloteamhh
in Stories
um
16:40
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