
"Die große Stille" Veloimpressionen- Teil 4
Die große Stille (Teil 4)
Mir fehlt das Mantra, würde ich denken, wenn ich denken könnte. Aber ich brauche keine geflüsterte Formel, um meine mentalen und spirituellen Energien freizusetzen. Mein Mund bewegt sich rhythmisch, die Räder rollen gleichmäßig, gleich gigantischer Ölpumpen bewegen sich meine Beine. Ich habe mich von meinen Gedanken befreit, ich bin eins mit der Zeit, die vom Rhythmus meiner Atmung bestimmt wird. Ich bin frei, ich bin Licht, ich bin jenseits von Gut und Böse, ich bin Ekstase. Ich bin. In diesem heroischen Gefühl, das sich leider keineswegs so anfühlt, werde ich von meinen Kunden angepeitscht: „Das ist wirklich super, großartig. Wir werden sie auf jeden Fall weiterempfehlen. Hamburg ist so eine wunderbare Stadt. Wahnsinn. Klasse.“ Ich nicke, trete weiter und höre: Sie sind der Größte, der Beste, das, was Gott geschaffen hätte, wenn er doch mehr als eine Woche Zeit gehabt hätte. Nein, sie sind... Stopp. Die Ampel ist auf rot. Was ist passiert? Habe ich etwas gesagt? Anscheinend schon. Habe ich etwa laut gedacht? Ich drehe mich um und erblicke glückliche Gesichter, die mich nur als Wort kennen und nicht als Gedanken.
Die Ampel zählt die Zeit herunter. Neuer Wall. Rathausmarkt. Endstation. Ein Foto. Eine Wolke. Ein Schatten. „Danke. Das hat wirklich Spaß gemacht“, kommt es synchron aus ihren Mündern. „Mir auch.“ Und das ist keine Lüge. Die beiden verschwinden aus meinem Sichtfeld. Ich beuge mich zur Zigarettenschachtel herunter. Da nehme ich einen Schatten hinter mir wahr und drehe mich um. „Hallo“, sage ich. Die gedrungene Gestalt nickt. „Fahren sie auch nach Stade?“ Ich zünde mir die Zigarette an. „Sorry, nach der Zigarette werde ich in die Halle fahren. Mein Feierabend hat gerade begonnen. Beim nächsten Mal.“ Ich glaube, er würde über seinen ausgefeilten Witz lachen, wenn er sich sicher wäre, dass meine Antwort nur ein Scherz war. Aber ganz so sicher sind wir uns da beide nicht.
Das wars fürs erste, Benni


